Srita Heide und das Martinsfest

Am 5. März 2017 wird im Main-Kinzig-Kreis ein neuer Landrat gewählt. Der Amtsinhaber Erich Pipa tritt nicht mehr zur Wiederwahl an. Es ist also zu erwarten, dass sich die einige Kandidaten in Stellung bringen. Zu einem ordentlichen Wahlkampf gehört auch, dass man darlegt, für welche Positionen man eintritt und was man vorhat.

SPD-Kandidat Torsten Stolz ist bereits seit Sommer auf Tour durch den Landkreis und hat verschiedene Eckpfeiler seiner Politik bereits vorgestellt. Von der Kandidatin der einst stärksten Partei des Main-Kinzig-Kreises, von CDU-Kandidatin Srita Heide wurde indes noch nicht öffentlich, was ihre Leitlinien für den Main-Kinzig-Kreis sind.

Heide hat nun aber in einer Pressemitteilung eine seltsame Behauptung aufgestellt. Sie schreibt dort:

[…] es ist […]  auch der Titel der Veranstaltung, eben „St.-Martinsfest“. Denn alle Jahre wieder gibt es bekanntlich die eine oder andere Kindertagesstätte oder Grundschule in Deutschland, die bewusst den Martinsumzug in „Sonne-Mond-und-Sterne-“ oder „Lichterfest“ umbenennt. Begründung: Der Umzug solle für alle Kinder offen sein und nicht nur für christliche. „Eine überaus seltsame Haltung“, sagt Kreispolitikerin Heide.

Anlässlich eines Besuchs des St. Martins-Umzugs scheint Frau Heide ihre populistische oder gar postfaktische Ader entdecken zu wollen. Würde man erwarten, ein solches Statement eher auf Seiten der AFD oder Pegida zu lesen, wäre man wohl nicht überrascht. Umso eher ist man aber, dies aus der Feder einer CDU-Kandidatin zu lesen.

Dabei geht es gar nicht mal um den Inhalt. Um die Frage, ob die deutsche Gesellschaft angesichts ihrer Abkehr von der Kirche im Allgemeinen vielleicht doch auch darüber nachdenken sollte, ob sie die christlichen Feiertage auch wirklich noch um ihres traditionellen Ursprungs wegen feiert. Wenn Kirchenaustritte sich in jedem Jahr auf Rekordniveau befinden, wenn die Kirchbänke sonntags leer bleiben und wenn man ganz allgemein und empirisch eine Abkehr von christlichen Werten feststellen kann, dürfte das zumindest mal diskussionswürdig sein. Auch dass der Martinstag dem Ursprung nach ein gar nicht christlicher Brauch gewesen ist, sondern nach Ansicht von Historikern erst in der Zeit nach der Aufklärung den Bezug zu St. Martin bekommen hat, könnte man in diesem Zusammenhang erwähnen.

Nein, vielmehr zeigt es fehlenden Willen zur Recherche, wenn man so eine Behauptung, es würden immer wieder Martinsumzüge umbenannt, auf den offiziellen eigenen Kanälen in die Welt setzt. Denn diese Behauptung stimmt nicht. Sie ist falsch. Und sie schürt durch ihre Verbreitung nur weiteren Hass, so dass man sich vielleicht doch vorher mal überlegen sollte, was man veröffentlicht.

Immer wieder tauchen im Internet solche Geschichten auf, dass in Kindergärten, Schulen oder anderen öffentlichen Einrichtungen aus Rücksicht auf den muslimischen Glauben  Veranstaltungen abgesagt werden oder ihrer christlichen Wurzeln beraubt werden. Dass aus dieser Rücksichtnahme heraus Schweinefleisch von der Speisekarte verschwinden müsse, dass die Kinder nicht mehr zusammen in den Schwimmunterricht gehen dürften und vieles mehr.

Und ebenso wie dies alles behauptet wird, so stimmt das allermeiste davon überhaupt nicht. So wie das Internet geeignet ist, Informationen schnell zu verbreiten, gibt es damit auch die Möglichkeit, damit Falschinformationen zu streuen.

Ja, es gab und gibt Fälle, bei denen über Umbenennungen des von Kindergärten oder Gemeinden organisierten Umzugs nachgedacht wurde, so wurden wohl vereinzelt Martinsfeste in Lichterfeste umbenannt. Das kann aus bewusst laizistischen Gründen passieren oder auch bewusst der Integration anderer Konfessionen willens. Es gibt auch Orte, in denen die Festlichkeiten am 11. November traditionell und schon immer „Laternenfest“ heißen.

Die Geschichte um das Sonne-Mond-Sterne-Fest ist ein alter Hut und wird immer wieder publiziert. Es geht wohl zurück auf einen Martinsumzug in Bad Homburg, um den es 2013 einigen Wirbel gab. Damals wurden Gerüchte publik, man wolle den Martinsumzug in einen Sonne-Mond-Sterne-Umzug umbenennen. Dabei handelte es sich dabei, das haben Gerüchte ja oft an sich, um eine Ente, um eine Falschmeldung. Niemand hatte so etwas vor, und bis heute heißt der dortige Martinsumzug eben Martinsumzug, ganz in christlicher Tradition mit Martinsfeuer und Reiter. Das Gerücht dürfte entstanden sein,  weil man das Fest intern bereits seit 1998 als Sonne-Mond-Sterne-Fest bezeichnete, damals wurde eine Suppe mit Sonne, Mond und Sterne-Einlage gereicht. Das war aber nichts weiter als ein Scherz. Man wird ja wohl noch lustig sein dürfen im Abendland.

Seither nutzen die populistischen Seiten diese Angelegenheit, um Stimmung zu machen. Sie eignet sich ja wunderbar für eine facebook-geeignete Überschrift: „Jetzt nehmen sie uns auch noch den Martinsumzug.“ Weniger geeignet ist natürlich die Wahrheit, die dahinter steckt: „Wir haben uns über etwas aufgeregt, was am Ende gar nicht stimmt.“

Frau Heide springt bewusst auf diesen Zug auf und versucht damit zu punkten. Die deutsche Tradition ist christlich, und darauf sind wir stolz. Da klatscht man gerne.

Gar nicht mal stolz sollten wir aber über solche (bewussten) Falschmeldungen sein, denn sie sind in der Lage, richtigen Ärger hervorzurufen:

Die Geschichte des Heiligen Martin steht für Barmherzigkeit und Güte. Der Martinsumzug einer Kita im hessischen Bad Homburg steht unter Polizeischutz. Die Einrichtung wurde wild beschimpft, weil sie dem Martinsumzug seinen Namen geraubt haben soll. Gut 300 Mails hatten die Mitarbeiter der Kita in den vergangenen Tagen erreicht, manche enthielten so üble Drohungen, dass die Erzieher in Angst versetzt wurden und nun die Polizei gegen die Urheber ermittelt. „Das sind menschenfeindliche Mails, deren Inhalt ich gar nicht zitieren möchte“, sagt Dieter Kraft, der für die Kita zuständige Sozialdezernent von Bad Homburg. Kraft ist zuletzt täglich in der Kita gewesen, die Erzieher seien arg erschrocken und fühlten sich hilflos gegenüber einer Entwicklung, die sie nicht verstehen.
Die Taunus-Zeitung hatte geschrieben, dass in der städtischen Kita der Martinstag seinen Namen verloren habe und aus Gründen politischer Korrektheit nun das „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ gefeiert werde. Sie berichtete, ohne Namen zu nennen, von Eltern, die sich darüber beklagt hätten. Denen sei gesagt worden, dass man das Fest umbenannt habe, weil Kinder und Eltern aus anderen Kulturkreisen nicht diskriminiert werden sollten.

Eine Umbenennung hat es nie gegeben

Das sei falsch, sagt nun Stadtrat Kraft. Es sei weiter vom Martinstag die Rede, gerade auch in Einladungen und Papieren, etwa dem Antrag für den Laternen-Umzug gemäß der Straßenverkehrsordnung; stets sei vom Martinsumzug die Rede. Er habe die Unterlagen durchgesehen.
Quelle

Vielleicht sollte sich Frau Heide dann doch eher auf die Recherche zu ihren Themen besinnen. Jedenfalls sollte sie sich nicht auf diese Ebene begeben und mit falschen oder falsch verstandenen Darstellungen ihre Pressearbeit führen. Vielleicht fällt ihr dann auch noch etwas für den Main-Kinzig-Kreis ein.

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